Anlagestrategie

Stell dir vor, es ist Börsencrash – und keiner geht hin

Einen Börsencrash überstehen Anleger am besten mit einem gut diversifizierten Portfolio

Beitrag teilen

Nichts fürchten Anleger mehr als einen Börsencrash. Aus Angst vor Verlusten, treffen sie meist falsche Entscheidungen, wenn die Aktienkurse fallen und verlieren so viel Geld. Doch wie lässt sich ein Anlageportfolio souverän durch Krisen manövrieren? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie hoch sind die Kursverluste bei einem Börsencrash?

Es gibt keine allgemeingültige Definition. Charakteristisch sind hohe Verluste in kurzer Zeit. Ein Extrembeispiel war der 19. Oktober 1987, der als Schwarzer Montag in die Börsengeschichte einging. Damals brach der amerikanische Aktienindex Dow Jones um mehr als 22 Prozent ein.

Ein brutaler Kurssturz bereitete auch der Börseneuphorie in Japan Anfang der 1990er-Jahre ein jähes Ende. In lokaler Währung verlor der japanische Aktienmarkt in nur neun Monaten 46 Prozent seines Wertes. Von diesem Zusammenbruch hat sich die japanische Börse knapp 30 Jahre später noch nicht wieder erholt (siehe Grafik).

30 Jahre seitwärts nach dem großen Crash: Der japanische Aktienmarkt

Quelle: MSCI (Stand: November 2018)

Auch Zeiträume von mehr als zwei Jahren, in denen die Aktienkurse stark nachgeben, werden oft als Börsencrash bezeichnet. Die schlimmsten Einbrüche des Weltaktienmarktes seit Anfang 1970 zeigt die folgende Tabelle:

Die schwersten Börsencrashs des Weltaktienindex MSCI World*

*Netto-Index in Euro auf Monatsbasis. Quelle: MSCI, Fairvalue-Berechnungen (Stand: Novmber 2018).

Welche Kursschwankungen sind am Aktienmarkt normal?

Im Jahr 2015 sackte der Dax innerhalb von fünf Monaten um 22 Prozent ab, was in den deutschen Medien eine größere Hysterie erzeugte, als der Börsencrash nach den Terroranschlägen auf das World-Trade-Center. Dass der Dax zuvor in nur drei Monaten um 28 Prozent gestiegen war, ging in dem Getöse fast unter. Unter dem Strich gingen Dax-Anleger 2015 übrigens ohne einen Verlust oder Gewinn nach Hause.

Die Ausschläge des deutschen Börsenbarometers – sowohl nach oben als auch nach unten – lagen damals außerhalb der mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwartenden Schwankungsbreite, wenn man die historische  Volatilität zugrunde legt. Die betrug zwischen 1990 und 2018 rund 22 Prozent. Das bedeutet, dass der Dax im Durchschnitt um 22 Prozentpunkte um seine mittlere Rendite schwankte, die bei rund 7 Prozent pro Jahr lag. Daran gemessen war es am wahrscheinlichsten, dass sich Kurseinbrüche zwischen 7 und -15 Prozent bewegten. So gesehen war der Einbruch im Jahr 2015 ein ungewöhnlicheres Ereignis.

Der Dax ist ein vergleichsweise schwankungsanfälliger Index und als solcher auch kein geeignetes Fundament für ein gut diversifiziertes Depots. Als sogenannte Basisanlage sind Weltaktienindizes wie der MSCI World oder selbst zusammengestellte Weltportfolios besser geeignet. Die Volatilität des MSCI World war deutlich niedriger als die des Dax. Sie betrug zwischen 1990 und 2018 gut 15 Prozent. Auch die maximalen Verluste während Börsencrashs waren geringer. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase verlor der MSCI World auf Eurobasis 54 Prozent. Der Dax brach um 68 Prozent ein.

Doch auch der Weltaktienmarkt gleicht auf kurze Sicht einer Achterbahnfahrt. Die Rendite pro Jahr kann gewaltig schwanken. In der Vergangenheit gab es Gewinne von bis zu 60 Prozent und Verluste von bis zu 40 Prozent. Halten Anleger Aktien über längere Zeiträume, sinkt die Schwankungsbreite der durchschnittlichen Rendite aber erheblich. Bei Anlagen über 15 Jahre in den MSCI World erzielten Anleger im besten Fall eine durchschnittliche Rendite von 15 Prozent pro Jahr und im schlechtesten Fall 1,5 Prozent pro Jahr. Anleger, die über einen Zeitraum von 15 Jahren investierten, erlitten keinen Verlust, unabhängig davon, wann sie in den Markt eingestiegen waren. Das gilt selbst für Investoren, die sich noch auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im Jahr 2000 für Aktien begeistert hatten.

Weltaktienindex MSCI World*: Ein-Jahres-Renditen und langfrstige Durchschnittsrenditen im Vergleich

*Netto-Index in Euro seit 1970. Quelle: MSCI, Fairvalue-Berechnungen (Stand: November 2018)

Lassen sich Börsencrashs zuverlässig vorhersagen?

Nein. Die Entwicklung von Aktienkursen lässt sich grundsätzlich nicht mit Sicherheit voraussagen. Wäre dem so, wären die Aktienbörsen ein sicherer Ort, wo Anleger ohne Risiko investieren könnten. Die Renditen wären dann aber auch nicht mehr höher als die Verzinsung eines Sparbuches.

Kluge Anleger ignorieren Prognosen zu Kursentwicklungen und möglichen Börsencrashs. Denn solche Vorhersagen sind nichts weiter als Meinungsäußerungen von Menschen, die ebenso wenig wissen, wo die Börsen in zwei Jahren stehen, wie alle anderen Anleger auch. Börsenprognosen sind immer nur Marketing. Denjenigen, die lauthals ihr Bild von der Zukunft herausschreien, geht es letztlich nur um den Verkauf ihrer Produkte.

Investoren, die ihre Portfolios auf der Basis von Prognosen zusammenstellen, erwirtschaften meist unterdurchschnittliche Renditen. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass Börsenvorhersagen in der Regel falsch sind. Trifft das Erwartete tatsächlich einmal ein, handelt es sich um einen Zufall. Doch auf der Basis von Zufällen lassen sich dauerhaft keine soliden Renditen erzielen.

Weil sich nicht zuverlässig vorhersagen lässt, wie sich die verschiedenen Anlageklassen, Landesbörsen, Branchen oder Aktien von einzelnen Unternehmen entwickeln werden, streuen erfolgreiche Anleger ihr Vermögen über eine Vielzahl von Investments.

Sollten Anleger ihre Aktien während eines Börsencrashs verkaufen oder zumindest den Aktienanteil reduzieren?

Wer über Verkäufe nachdenkt, sobald die Kurse anfangen zu fallen, hat ein kaum lösbares Timing-Problem. Niemand weiß, wie weit die Notierungen absacken werden oder ob sich die Verluste gar zu einem Börsencrash ausweiten.Ein Crash lässt sich immer erst im Nachhinein diagnostizieren. Wer verkauft, kurz bevor der Markt wieder nach oben dreht, und dann später wieder zu einem höheren Peis einsteigt, schmälert seine Rendite erheblich.

Angenommen die Kurse fallen nach einem Verkauf tatsächlich noch ganzes Stück weiter, dann stellt sich die Frage, wann der richtige Zeitpunkt zum Wiedereinstieg ist. Die meisten Anleger werden zu lange warten, sodass sie am Ende kaum etwas gewinnen. Stattdessen  zermarterten sie sich wochen- oder monatelang das Hirn, auf der Suche nach einem eindeutigen Indiz für eine stabile Markterholung.

Wie schädlich Market-Timing für die Rendite ist, lässt sich an der Leistung von aktiv gemanagten Mischfonds ablesen. Bei diesen Fonds manövrieren Manager das Vermögen innerhalb bestimmter Grenzen zwischen Aktien und sicheren Anleihen hin und her. Deutsche Anleger lieben Mischfonds. Sie glauben nur allzu gerne dem Versprechen der Anbieter, dass die Manager je nach Marktlage richtig reagieren und das Portfolio entsprechend ausrichten werden. Bei einem Börsencrash, so der Glaube, werde der Fondsmanager schon rechtzeitig in sichere Anleihen oder Cash umschichten.

Was in der (Werbe)Theorie beruhigend klingt und unsichere Anleger überzeugt, funktioniert in der Praxis nicht. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass die überwältigende Mehrheit der Mischfonds deutlich schlechter abschneidet als ein statisches Vergleichsportfolio, das in allen Marktphasen denselben Anteil an Aktien und Anleihen hielt. Aber nicht nur Fehlentscheidungen beim Markettiming sorgen bei Mischfonds für unterdurchschnittliche Renditen. Auch die hohen Kosten von bis zu 2 Prozent und mehr pro Jahr drücken die Erträge.

Hohe Kosten belasten aber auch Privatanleger, die ihr Depot in Eigenregie verwalten und es zu oft umschichten. Banken, Börsenplätze und -händler kassieren bei jeder Transaktion mit – ein nicht zu unterschätzender Faktor. Noch schwerer wiegen allerdings auf lange Sicht steuerliche Nachteile. Wer beispielsweise aus Angst vor einem Börsencrash einen Aktien-ETF verkauft, der in der Vergangenheit Kursgewinne erzielte, zahlt auf die Erträge Abgeltungsteuer. Dadurch verringert sich der Geldbetrag, den ein Anleger später wieder in den Aktienmarkt investieren kann. Auf  Dauer führt häufiges Kaufen und Verkaufen allein schon wegen der steuerlichen Nachteile zu niedrigeren Renditen im Vergleich zu einer Buy-and-hold-Strategie. Bei dieser handelt ein Investor nur, um die anfangs gewählte Portfolioaufteilung über die Zeit weitgehend konstant zu halten. Im Gegensatz zu aktiven Anlegern profitieren Buy-and-hold-Investoren von einer Steuerstundung.

Wer die besten Börsentage verpasst, hat das Nachsehen

Letztlich sind es aber vor allem verpasste Gewinne, die bei gescheiterten Market-timing-Versuchen die Rendite drücken. An den internationalen Börsen werden die großen Gewinne, welche die langfristigen Durchschnittsrenditen nach oben ziehen, an nur wenigen Tagen erzielt. Ist ein Anleger zu diesen Zeitpunkten nicht investiert, fällt seine Rendite erheblich niedriger aus. Oft treten diese Supertage kurz nach einem Kurzsturz auf, wenn der Markt dreht. Also dann, wenn viele Anleger gerade verkauft haben. Wie groß die Wirkung einzelner Börsentage auf das gesamte Anlageergebnis sein kann, zeigt die folgende Grafik.

Jährliche Durchschnittsrenditen des MSCI Europe seit 2003 bei ... verpassten Handelstagen

Quelle: J.P. Morgan (Stand: September 2018)

Kritiker argumentieren, dass es viel vorteilhafter wäre, die Tage mit den höchsten Kursverlusten an den Börsen zu vermeiden. Wer beispielsweise an den zehn schlechtesten Handelstagen nicht in amerikanische Aktien investiert gewesen wäre, hätte zwischen 1998 und 2018 eine etwa doppelt so hohe Rendite erzielt wie ein Buy-and-hold-Investor.

Das klingt verlockend, bleibt aber graue Theorie, weil sich die schlimmsten Verlusttage nicht vorhersagen lassen (siehe oben). Die einzige Möglichkeit, um diese Kursstürze mit Sicherheit zu vermeiden, besteht darin, dauerhaft nicht in Aktien zu investieren und stattdessen Cash zu halten. Die jährliche Rendite nach Abzug der Inflation wäre negativ, während Buy-and-hold-Aktienanleger in der Vergangenheit im Schnitt mit einem realen Vermögenszuwachs von rund 5 Prozent im Jahr belohnt wurden.

Ist es vorteilhaft, das Aktienportfolio bei einem Börsencrash abzusichern?

In der Regel ist das nicht der Fall. Das Timing-Problem ist dasselbe wie oben beschrieben. Hinzu kommt, dass der Umgang mit Wertpapieren, mit denen Investoren auf fallende Kurse setzen können, fundiertes Wissen und Erfahrung voraussetzt. Das gilt beispielsweise für Put-Optionsscheine. Sie sind eine Art Versicherung gegen fallende Kurse, für die der Käufer eine Prämie bezahlen muss. Diese Prämie ist umso höher, je größer die Volatilität an den Aktienmärkte ist. Mit anderen Worten: Gerade dann, wenn Anleger im Börsencrash eine Versicherung am nötigsten brauchen, ist sie am teuersten.

Fällt der Markt nicht wie erwartet weiter und dreht wieder nach oben, verfallen die Puts bei Fälligkeit wertlos. Die gezahlte Prämie schmälert aber die Rendite des Portfolios.

Überstehen einzelne Aktiensegmente und Branchen eine Börsencrash besser?

Value-Aktien und Aktien mit hoher Dividendenrendite wird immer wieder nachgesagt, dass sie bei Kursstürzen an den Börsen besser abschneiden als der Gesamtmarkt im Durchschnitt. Doch das ist mehr Wunsch als Wirklichkeit. Während vielen Abschwüngen machten diese Titel keine bessere Figur.

Auch einzelnen Branchen, die relativ unabhängig vom Konjunkturzyklus sind wie etwa Energieversorger oder Pharmaunternehmen, gelten als sichere Aktien in unruhigen Zeiten. Grundsätzlich gibt es immer einzelne Branchen, die sich während Börsencrashs besser behaupten als andere. Nur welche das sind, wissen Anleger mit Sicherheit immer erst, wenn der Crash vorbei ist.

In den vergangenen 20 Jahren waren Nahrungsmittelaktien mit Abstand am stabilsten, wie eine Untersuchung von Fairvalue zeigt. In diesem Zeitraum gab es vier Börsencrashs. Während der Weltaktienmarkt im Schnitt 38 Prozent pro Crash verlor, büßte der globale Nahrungsmittelsektor nur 16 Prozent ein. Für Anleger wäre es optimal gewesen, wenn der Aktienanteil ihres Depots jeweils zur Hälfte aus Nahrungsmittelaktien und einem international diversifizierten Aktienportfolio bestanden hätte. Alle Ergebnisse der Analyse.

Ob der Nahrungsmittelsektor auch künftig während Kursstürzen am Weltaktienmarkt Stabilität bieten wird, ist unsicher. Ein starkes Indizes dafür ist aber, dass sich die hohe Krisenresistenz der Vergangenheit in drei unabhängigen Währungsräumen und auf dem Weltaktienmarkt zeigte.

Generell birgt ein Portfolio, das nur auf wenige vermeintlich sichere Branchen konzentriert ist, größere Chancen und Risiken  als ein breiter diversifiziertes Depot. Geht die Wette auf, winken überdurchschnittliche Gewinne beziehungsweise im Börsencrash geringere Verluste. Umgekehrt sind aber eben auch deutlich schlechtere Anlageergebnisse möglich im Vergleich zum Marktdurchschnitt.

Ist Gold eine gute Versicherung gegen einen Börsencrash?

Neben Immobilien ist Gold die von den Deutschen am meisten überschätzte Anlageklasse. Die meisten Privatanleger hierzulande lieben das gelbe Edelmetall wie einst König Midas. Doch allzu viel hat Gold nicht zu bieten: Es ist keineswegs ein Fels in der Brandung wie viele meinen, sondern noch schwankungsanfälliger als Aktien und bringt nicht einmal laufende Erträge wie Dividenden ein.

Mit Gold können Anleger nur Gewinne erzielen, wenn dessen Preis steigt. Die historische Rendite seit 1970 war etwas schlechter als die von Aktien. Anleger mussten von 1980 bis 2000 eine 20jährige Durststrecke überstehen. In diesem Zeitraum sackte der Goldpreis auf Eurobasis um 61 Prozent ab. Und der Inflationsschutz, der Gold stets zugeschrieben wird, ist auf lange Sicht mehr Mythos als Realität.

Seinen Ruf als Allzweckwaffe gegen Krisen erwarb sich Gold in den 1970er-Jahren während der beiden Ölkrisen. Damals schnellte die Inflation nach oben, doch der Goldpreis stieg noch schneller.

Gold ist nur gering mit anderen Anlageklassen korreliert und eignet sich deshalb zur Portfoliodiversifikation. Auch gegen große Krisen kann es eine Versicherung sein. Solange der Schadensfall aber nicht eintritt, sollten Anleger davon ausgehen, eine Prämie für den Schutz bezahlen zu müssen.

Investoren sollten sich grundsätzlich entscheiden, ob sie Gold zur Diversifikation ins Portfolio aufnehmen möchten oder nicht und diese Position langfristig halten. Wer erst über Käufe nachdenkt, wenn ein Börsencrash bereits im vollen Gange ist, ist zu spät dran.

Ist es ratsam, auch bei einem Börsencrash an einer Buy-and-hold-Strategie festhalten?

Wenn sich Börsencrashs nicht zuverlässig vorhersagen lassen und Market-Timing meist nicht funktioniert (siehe oben), bleibt nur noch die Möglichkeit, Krisen einfach auszusitzen. Zu einer solchen Buy-and-hold-Strategie, bei der Nichtstun die Maxime ist, raten viele Vermögensverwalter und unabhängige Finanzberater, die auf Honorarbasis arbeiten.

Ihr wichtigstes Argument: Seit mehr als 100 Jahren sind Aktien im Schnitt die renditestärkste Anlageklasse. Trotz aller Kriege, Katastrophen und Krisen, die bisweilen zu schweren Börsencrashs führten, erklommen die internationalen Aktienmärkte immer wieder neue Hochs. Das sei der „härteste denkbare Stresstest“ für Aktien gewesen, argumentiert etwa der Honorarberater und Buchautor Gerd Kommer.

Trotz aller Widrigkeiten brachte ein durchgehend investiertes, international diversifiziertes Aktienportfolio zwischen 1900 und 2017 eine reale Durchschnittsrendite von gut 5 Prozent pro Jahr auf US-Dollar-Basis. Anleihen warfen dagegen nur 1,8 Prozent jährlich ab, berechnete die Finanzmarktforscher Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton. Das seien keine Schönwetterdaten aus selektiv ausgewählten Zeitfenstern, so Kommer, sondern sie enthielten alle negativen Einflüsse auf die Aktienbörsen.

Private Investoren legen nicht 100 Jahre an

Daran lässt sich kaum rütteln. Doch die reale Lebenswelt eines durchschnittlichen Privatanlegers kommt bei dieser Argumentation zu kurz. So gut wie niemand hat einen Anlagehorizont von 100 Jahren oder mehr. Den meisten Menschen erscheint ihr typischer Anlagehorizont von 30 bis 35 Jahren schon unvorstellbar lang. Über Zeiträume von 15 bis 30 Jahren gibt es in der Börsengeschichte aber durchaus Phasen, in denen nicht Aktien, sondern Anleihen das bessere Investment waren. Der Finanzmarktforscher und Wirtschaftsnobelpreisträger Robert J. Shiller schreibt in seinem Buch „Irrationaler Überschwang“, es gebe keinen Grund anzunehmen, dass Aktien künftig immer eine bessere Rendite liefern werden als andere Anlageklassen.

Buy-and-hold-Anleger mussten in der Vergangenheit zum Teil sehr lange warten, bis sich ihr Aktienportfolio wieder von schweren Verlusten erholt hatte. Die längste dieser Durststrecken betrug für ein global diversifiziertes Aktienportfolio 22 Jahre, nämlich von 1910 bis 1930. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 dauerte es mehr als ein Jahrzehnt bis das Minus von 54 Prozent wieder wettgemacht war (siehe Tabelle oben). In dieser Zeit waren Anleihen die deutlich bessere Geldanlage. Am Aktienmarkt, so Shiller, gebe es keine Garantie für eine gute Entwicklung.

Solche Daten sprechen gegen eine Buy-and-hold-Strategie. Vielmehr legen sie nahe, den Versuch zu unternehmen, ein gemischtes Portfolio aus Aktien und Anleihen der jeweiligen Marktlage anzupassen. Allerdings deutet nichts darauf hin, dass Privatanlegern ein solches Unterfangen mit dauerhaftem Erfolg gelingen wird, wenn selbst sehr erfahrene, professionelle Portfoliomanager an dieser Aufgabe scheitern (Stichwort Mischfonds, siehe oben).

Welche anderen Gefahren birgt eine Buy-and-hold-Strategie?

Trotz der skizzierten Unwägbarkeiten bleibt die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Investoren mit einem gut diversifizierten, internationalen Aktienportfolio auch in Zukunft auf lange Sicht positive Renditen erzielen werden. Allerdings haben viele deutsche Anleger ihre Risiken schlecht verteilt. Sie setzen Untersuchungen zufolge viel zu stark auf heimische Werte. Die Konzentration auf einen einzelnen Ländermarkt kann sich aber gerade nach einem Börsencrash übel rächen wie etwa das Beispiel Japan zeigt (siehe oben).

Geht man weiter in der Geschichte zurück, tun sich noch größere Abgründe auf. Beispielsweise warfen französische Aktien zwischen 1929 und 1982 keine reale Rendite ab. Anleger mussten sich 54 Jahre in Geduld üben, bis ihre Verluste nach dem Börsenkrach von 1929 wieder ausgeglichen waren.

Noch höher wird das Risiko bei einzelnen Aktien. Es gibt Anleger, die nur wenige Titel im Depot haben. Bei einer sehr geringen Zahl von Einzelwerten ist aber ein Totalverlust nicht ausgeschlossen – ebenso wenig wie hohe dauerhafte Verluste. Für letzteres ist die Deutsche Telekom ein Beispiel, die Lieblingsaktie vieler Anleger in den 1990er-Jahren. Wer in der Mitte oder gar zum Ende des damaligen Börsenaufschwungs in die ehemals staatliche Telefongesellschaft investierte, sitzt bis heute auf gewaltigen Verlusten – und wird auch künftig darauf sitzenbleiben. Selbst wer von Anfang an dabei war, ist nach mehr als 20 Jahren im Minus.

Trauma der deutschen Privatanleger: Kursverlauf der Deutschen Telekom seit dem Börsengang

Quelle: Morningstar Direct (Stand: November 2018).

Viele Anleger stehen sich selbst im Weg

Die vielleicht größte Gefahr bei einer Buy-and-hold-Strategie ist aber der Anleger selbst. Verliert er im Börsencrash die Nerven, weil er seine Risikotragfähigkeit falsch eingeschätzt, kann es zu hohen Verlusten kommen. Kritiker bezweifeln, dass die Mehrheit der Anleger mental in der Lage ist, eine Buy-and-hold-Strategie durchzuziehen. Wackelkandidaten sind vor allem Menschen, die sich vor ihrer Anlageentscheidung nicht ausreichend über die Eigenschaften und Risiken von Aktien informiert haben.

Bei einer Anlage in ein gut diversifiziertes Portfolio, das zu 60 Prozent aus Aktien und zu 40 Prozent aus Anleihen besteht, müssen Investoren mit einem Verlust von 25 bis 30 Prozent rechnen, falls sich die Kurse am Weltaktienmarkt bei einem Börsencrash halbieren. Wer solche Rückschläge nicht wegstecken kann, sollte sich von Aktien besser fernhalten.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die langfristige Finanzplanung insgesamt.  Falls ein Anleger im Abschwung verkaufen muss, weil er dringend Geld benötigt, kann ein langfristiges Anlagekonzept nicht aufgehen. In eine Buy-and-hold-Strategie mit Aktien dürfen Anleger deshalb nur Geld investieren, das sie mit Sicherheit in den nächsten 15 bis 20 Jahren nicht brauchen.

Soviel Weitblick setzt eine gewisse Lebenserfahrung voraus und ein Bankkonto, auf dem sich bereits genügend Kapital angesammelt hat, um neben dem Wertpapier-Investment auch eine Barreserve vorhalten zu können. Sie muss so hoch sein, dass daraus auch unvorhergesehene Zahlungen wegen unvorhergesehener Lebensumstände bestritten werden können.

Mit welcher Liquiditätsreserve sich Anleger wohlfühlen, ist individuell und hängt vom Lebensstandard ab. Die immer wieder unreflektiert zitierte Regel, drei Monatsgehälter seien ausreichend, ist aus der Luft gegriffen.

Gibt es Ausnahmen von der Buy-and-hold-Regel?

Keine Regel ohne Ausnahmen. Gäbe es die nicht, hätten Anleger nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Aber so ist es zum Glück nicht. Anleger sollten zwar konsequent einer Strategie folgen, aber dabei den gesunden Menschenverstand und ihre Intuition nicht an der Garderobe abgeben.

Die Ergebnisse jahrzehntelanger Finanzmarktforschung legen nahe, dass eine Buy-and-hold-Strategie, insbesondere für Privatanleger, trotz aller Risiken am vielversprechendsten ist. Versuche, Marktschwankungen mit Market-timing-Strategien zu dämpfen, schlagen meistens fehl und kosten Rendite.

Dennoch gibt es Marktphasen, in denen es fahrlässig wäre, die Augen vor den Daten zu verschließen und stoisch an einer Buy-and-hold-Strategie festzuhalten. Das Ende der 1990er-Jahre war so eine Periode. Jeder einigermaßen erfahrene Anleger konnte erkennen, dass die Aktienmärkte rund um dem Globus hoffnungslos überbewertet waren, beispielsweise gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis.

Das allein ist zwar noch kein sicheres Indiz für einen Börsencrash. Doch wer sich die Mühe machte und einmal einige Websites der astronomisch bewerteten Internetunternehmen besuchte, musste kein Genie sein, um zu begreifen, dass damals Luftschlösser zu astronomischen Preisen gehandelt wurden. Wem seine Intuition signalisierte, dass hier etwas zum Himmel stinkt und aus dem Aktienmarkt ausstieg, lag goldrichtig.

Die Finanzkrise 2008 und die daraus resultierende Eurokrise waren dagegen für Privatanleger im Vorfeld kaum zu erkennen. Nach dem heutigen Erkenntnisstand hatten weltweit nur wenige Insider eine Vorstellung davon, auf welche Katastrophe die globalen Finanzmärkte zusteuerten. Für jedermann sichtbar war aber die Weltuntergangsstimmung, die nach der Pleite der Investmentbank im Frühjahr 2009 herrschte. Dieser grenzenlose Pessimismus war der Startschuss für einen fulminanten Aufschwung.

Gerd Kommer schreibt: „Mir ist niemand bekannt, der im Frühjahr 2009 diesen Aufschwung korrekt prognostizierte.“ Hätte der Berater einen Blick in die von ihm geschmähten Anlegermagazine geworfen, wäre auch ihm bekannt geworden, dass eine ganze Reihe von Vermögensverwaltern und selbst das in der Regel übervorsichtige Verbrauchermagazin Finanztest damals zum Einstieg in Aktien geraten hatten. Dieser Ratschlag basierte nicht auf Prognosen, sondern auf Intuition. Die Stimmung am Markt war einfach so schlecht, dass sie kaum noch schlechter werden konnte und Aktien waren gemessen am Shiller-KGV vergleichsweise günstig.

Es geht nicht darum zu versuchen, die kleineren und größeren Kursschwankungen am Aktienmarkt zu umgehen. Das ist vollkommen aussichtslos. Ein wachsamer Blick auf die Bewertungen und die eigene Intuition kann aber helfen, den einen oder anderen großen Wendepunkt im Markt zu erkennen. Und dann sollten auch Buy-and-hold-Anleger ihrem Bauchgefühl folgen und ihr Portfolio umschichten – auch auf die Gefahr hin, daneben zu liegen. Die Kunst besteht darin, das tägliche Markt- und Krisengeschwätz auszublenden, aber in den sehr seltenen wichtigen Momenten hellwach zu sein.

© Fairvalue, aktualisiert am 09.12.2018

Fotografie: Rob Potter / Unsplash

Weitere Artikel zu:

Beitrag teilen

Mehr zum Thema

Aktuelle Beiträge

Geldanlage

Schwellenländeranleihen und Aktien - ein tolles Paar, wie diese beiden chinesischen Rentner.

Mehr Rendite, weniger Risiko

Warum Schwellenländeranleihen und Aktien ein Traumpaar sind

Schwellenländeranleihen locken mit hohen Zinsen. Doch als Ersatz für sichere europäische Staatsanleihen sind sie viel zu riskant. Stattdessen machen die exotisch anmutenden Zinspapiere im Portfolio eine gute Figur, wenn Anleger sie dem Aktienanteil beimischen.

Fondsvergleich: Die Ersten werden die Letzten sein

Anlagestrategie

Fondsvergleich: Die Ersten werden die Letzten sein

Beim Fondsvergleich wählen Anleger meist die aktiv gemanagten Aktienfonds, die in der jüngeren Vergangenheit die höchsten Renditen lieferten. Doch diese vermeintlichen Gewinnerfonds entwickeln sich in der Zukunft oft unterdurchschnittlich. Anleger fahren besser, wenn sie systematisch Verliererfonds auswählen.

Sechs Fakten über Aktien, die Sie verblüffen werden

Börse

Sechs Fakten über Aktien, die Sie verblüffen werden

Aus den meisten Untersuchungen zu Aktien lassen sich kaum allgemeine Erkenntnisse ableiten. Sie konzentrieren sich in der Regel nur auf ein Land oder basieren auf zu kurzen Zeitreihen. Historische Kursdaten von 23 Länderbörsen, die bis 1900 zurückreichen, zeichnen ein realistischeres Bild von den Aktienmärkten und räumen mit vermeintlichen Gewissheiten auf.

Dossier

Kapitalanlage

Vorsicht Finanzberatung

Wenn es um Geldanlage geht, lassen sich die meisten Deutschen von ihrem Finanzberater einwickeln. Doch deren Anlagevorschläge sind oft nicht im Interesse des Kunden. Denn Banken empfehlen gerne die Produkte, an denen sie die höchsten Provisionen verdienen. Deshalb ist grundsätzlich Vorsicht geboten. Wie Sie einen guten von einem schlechten Berater unterscheiden, lesen Sie in unserem Dossier.

Vorsicht Finanzberatung

PRODUKTCHECK