Buchrezension

Martin Weber – Die Vermögensstrategie des ETF-Professors

Von Markus Neumann

Martin Weber: Seine Vermögensstrategie fußt auf ETF

Ein Verfechter der Effizienzmarkthypothese: Finanzprofessor Martin Weber. Seine Vermögensstrategie basiert auf ETF.

Im Jahr 2007 landete Martin Weber mit „Genial einfach investieren“ einen Bestseller. Jetzt legt der Finanzprofessor zusammen mit vier Kollegen einen konkreten Ratgeber für Geldanleger vor. Darin skizzieren die Autoren eine einfache Vermögensstrategie mit ETF, die für jedermann umsetzbar ist.

Die meisten Bücher zum Thema Geldanlage sollte man gar nicht erst aufschlagen. Kurioserweise erzielen die schlechtesten der Schlechten nicht selten die höchsten Auflagen. Die Deutschen hängen bevorzugt an den Lippen von begabten Selbstvermarktern, die ihr Achtelwissen lautstark in die Welt hinausschreien und damit prächtig Geld verdienen. Diejenigen, die ihren Ratschlägen folgen, werden möglicherweise mit zwei blauen Augen davonkommen – wenn es gut läuft. Reich werden sie mit Sicherheit nicht. Von den Yachten der Leser ist jedenfalls bis heute nichts zu sehen.

In dem bunten Reigen der Finanzdummschwätzer ist Martin Weber eine der rühmlichen Ausnahmen. Dem Finanzwissenschaftler gelang 2007 mit „Genial einfach investieren“ ein Bestseller, obwohl er weder schnellen Reichtum versprach noch einen baldigen Supercrash heraufbeschwor. Stattdessen wird die zentrale Botschaft des damaligen Professors für Bankbetriebslehre an der Universität Mannheim bei vielen Anlegern eine Mischung aus Langeweile und Frustration hervorgerufen haben: Du kannst den Markt auf lange Sicht nicht schlagen, deshalb kaufe den Markt, lautet sein Credo.

Wo Professor draufsteht, ist nicht unbedingt Anlageerfolg drin

Webers damaliger Erfolg dürfte auch von seiner Stellung als Professor beflügelt worden sein. Schließlich gelten die Deutschen als besonders titelhörig. Ein Hochschullehrer müsse es ja schließlich wissen, glauben viele. Doch akademische Meriten bedeuten nicht unbedingt Erfolg bei der Geldanlage in der rauen Wirklichkeit der Finanzmärkte.

Beispielsweise waren es zwei Wirtschaftsnobelpreisträger, die sich Ende der 1990er-Jahre mit ihrem Hedgefonds so gewaltig verspekulierten, dass ihnen ein Konsortium aus Banken unter der Führung der New Yorker Notenbank zu Hilfe eilen musste, um einen befürchteten Kollaps des Finanzmarktes abzuwenden.

Hierzulande steht seit einigen Jahren ein Münchner Finanzprofessor an der Spitze eines digitalen Vermögensverwalters, eines sogenannten Robo-Advisors, der Geldanlegern ein wissenschaftlich ausgeklügeltes Risikomanagement und ansehnliche Renditen verspricht. In der Praxis scheint dieses Anlagekonzept aber nicht aufzugehen. Der Vermögensverwalter schnitt bisher deutlich schlechter ab als die meisten seiner Mitbewerber. Das hielt die Anleger hierzulande aber nicht davon ab, dem Unternehmen ein Milliardenvermögen anzuvertrauen.

Auch Martin Weber zog es in die Praxis. 2008 brachte er zusammen mit der Fondsgesellschaft DWS einen Mischfonds auf den Markt. Die Anlagestrategie fußt auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die der Forscher für valide hält. Der Fonds ist kein Überflieger, aber eben auch kein Desaster. Er lieferte bisher solide bis gute Ergebnisse und verwaltet inzwischen fast eine Milliarde Euro.

Stock-Picking und Market-Timing sind Verliererstrategien

13 Jahre nach seinem Bestsellererfolg hat Martin Weber nun ein neues Buch auf den Markt gebracht – „Die genial einfache Vermögensstrategie“. Den Ratgeber für Geldanleger verfasste er zusammen mit Heiko Jacobs, Christine Laudenbach, Sebastian Müller und Philipp Schreiber, die alle bei ihm promovierten. Drei von ihnen sind heute ihrerseits als Professoren tätig. Und auch bei Webers Fonds „Arero“ mischen drei seiner Mitautoren mit.

Weber, heute Senior-Professor an der Universität Mannheim, ist ein Vertreter der sogenannten Effizienzmarkthypothese. Danach sind alle öffentlich verfügbaren Informationen zu jedem Zeitpunkt in den Preisen von Wertpapieren enthalten. Der Marktpreis einer Aktie etwa ist deshalb die beste Schätzung ihres tatsächlichen Wertes. Langfristig beständige Muster, die Anleger ausbeuten könnten, lassen sich den Autoren zufolge in den Kursen nicht erkennen. Aus diesem Grund seien sie auch nicht prognostizierbar. Ihre Bewegungen hingen vielmehr von zufälligen Ereignissen ab. Auf lange Sicht seien mit aktiven Anlagestrategien, die auf Stock-Picking und Market-Timing fußen, keine Renditen oberhalb des Marktdurchschnitts erzielen.

Diese These ist natürlich umstritten. Denn sie stellt die Existenzberechtigung aktiver Vermögensverwalter infrage, die ihren Kunden überdurchschnittliche Renditen versprechen und für ihre Dienste fürstliche Vergütungen verlangen. Die Empirie spricht laut den Autoren jedoch ziemlich deutlich für die Effizienzmarkthypothese. Ein Beleg ist etwa, dass es den meisten Fondsmanager nach Kosten nicht gelingt, den Marktdurchschnitt zu übertreffen.

Die „genial einfache Vermögensstrategie“ für Privatanleger

Das alles hat Weber bereits in seinem alten Buch einem großen Publikum erklärt. Er ist – neben Gerd Kommer – der Autor, der börsengehandelten Indexfonds (ETF) in Deutschland zu wachsender Popularität unter Privatanlegern verholfen hat.

Auch wenn sich die ersten Kapitel von „Die genial einfache Vermögensstrategie“ inhaltlich kaum von Webers altem Bestseller unterschieden, liegt ihr Verdienst in der Aufbereitung. Die Autoren fassen sich mit einfachen Worten so kurz, dass die Forschungserkenntnisse selbst für die an Konzentrationsschwäche leidende Generation Smartphone leicht konsumierbar sind. Anders als in „Genial einfach investieren“ schlägt Weber aber in seinem neuen Ratgeber eine konkrete Anlagestrategie vor, die für jedermann umsetzbar ist.

Das empfohlene Portfolio besteht aus zwei ETF: Einen auf den MSCI All Country World Index, ein Weltaktienindex, der 85 Prozent der globalen Marktkapitalisierung umfasst, und einen auf den Bloomberg Barclays Global Aggregate Bond Index, der die internationalen Anleihenmärkte abbildet. Er enthält sowohl Staats– als auch Unternehmensanleihen. Das Kapital soll zu 60 Prozent auf den Aktien-ETF und zu 40 Prozent auf den Anleihen-ETF verteilt werden.

Diese Mischung nennen die Autoren das riskante Marktportfolio. Im Gegensatz zur Investmentindustrie stufen sie auch Anleihen mit guter Bonität als risikobehaftete Anlagen ein. Wer mehr Sicherheit in seinem ETF-Portfolio wünsche, könne als nahezu risikolose Anlage Tagesgeld und / oder Euro-Staatsanleihen mit Laufzeiten von unter einem Jahr, sogenannte Geldmarktpapiere, beimischen. Über die Gewichtung dieser sicheren Anlagen soll das Risiko des Portfolios gesteuert werden.

Was zusätzliche Anlageklassen im Portfolio bringen

In den folgenden Kapiteln diskutieren die Autoren weitere Anlageklassen, um die ihr Basisportfolio wahlweise ergänzt werden kann. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob die zusätzliche Anlage zu einer verbesserten Diversifikation beitragen wird. Unter dem Strich bleiben Smart-Beta-ETF, Immobilienaktien und Rohstoffe als mögliche Beimischungen im Rennen. Erstaunlicherweise kommt das Thema Gold nicht vor, obwohl es sich in der Vergangenheit ausgezeichnet zur Diversifikation eignete und viele Privatanleger die Frage beschäftigt, ob sie das Edelmetall kaufen sollen oder nicht.

Dafür behandelt das Buch andere Themen, die Anlegern immer wieder unter den Nägeln brennen. Etwa die häufig gestellte Frage, ob man einen größeren Anlagebetrag auf einmal oder nach und nach investieren sollte. Zwar zeigen die Autoren, wie viele andere auch, dass eine Salami-Taktik in der Regel eine niedrigere Rendite abwirft, doch letztlich, so ihr Fazit, seien beide Möglichkeiten „gleich sinnvoll“. Egal für welche Variante sich ein Anleger entscheide, er mache „nichts verkehrt“.

Das Risiko ist nur in die Zukunft verschoben

Diese Conclusio ist allerdings wenig überzeugend. Ein Anleger, der aus Angst vor Kurseinbrüchen monatlich gleiche Beträge nach und nach in das Marktportfolio investiert, verschiebt das Risiko nur in die Zukunft. Über die gesamte Investitionsphase ist er im Schnitt in etwa je zur Hälfte in das Marktportfolio und in Tagesgeld investiert. Nach Ablauf der Anlagephase steht er aber voll im Risiko.

Es ist kaum nachvollziehbar, warum ein risikoscheuer Investor für zwei oder drei Jahre mit  reduziertem Risiko anlegen und schließlich in ein 100-Prozent-Risiko-Portfolio wechseln sollte. Logischer wäre für einen solchen Anleger, von Anfang an ein 50-50-Portfolio aus riskanten und risikolosen Anlagen zu wählen und dabei zu bleiben. Nach Berechnungen des Analysten Nick Maggiulli brachte das im Regelfall auch eine höhere Rendite als die Salami-Taktik.

Fondssparplan-Rechner rechnen falsch

Etwas aus dem wissenschaftlichen Rahmen fallen die Beispielrechnungen für einen ETF-Sparplan. Weber und seine Mitautoren verwenden dafür einen Fondssparplan-Rechner, wie man ihn auf zahlreichen Finanzwebsites im Internet findet. Das Problem ist nur: Diese Rechner rechnen falsch. Nutzer müssen nur Zahlungshöhe und -intervall sowie Fondskosten und die erwartete jährliche Durchschnittsrendite vorgeben und schon – Simsalabim – spuckt der Rechner einen Endwert aus.

Die jährliche Durchschnittsrendite eines Aktien-ETF ist in der Realität natürlich unbekannt. Doch selbst wenn jemand hellseherische Fähigkeiten hätte und die Durchschnittsrendite kennen würde, wäre die Berechnung des Endwertes in aller Regel falsch. Denn bei einem Aktienfondssparplan kommt es auf die Abfolge der Jahresrenditen an, die stark schwanken. Die Renditen zu Beginn der Sparphase sind relativ bedeutungslos, umso schwerer wiegen sie zum Ende.

Das hat zur Folge, dass das Endvermögen eines ETF-Sparplans sehr unterschiedlich ausfallen kann, auch wenn die jährliche Durchschnittsrendite über zwei verschiedene Sparzeiträume gleich wäre. Grundsätzlich sind bei hohen jährlichen Durchschnittsrenditen niedrige Endvermögen möglich – und umgekehrt.

Welche Chancen ein ETF-Sparplan tatsächlich bietet, lässt sich nur mit Simulationen ermitteln, die die Schwankungen der Jahresrenditen ins Kalkül ziehen. Das alles wissen die Autoren natürlich, geben aber der plakativeren Einfachheit den Vorrang, die ein vermeintlich eindeutiges Ergebnis liefert. Eine Simulation führen die Finanzmarktforscher aber für eine Auszahlstrategie durch, bei der das im Arbeitsleben angehäufte Vermögen verbraucht werden soll.

Auszahlstrategien für den Ruhestand

Mit dem Thema Vermögenstrategie im Ruhestand befassen sich die letzten drei Kapitel des Buches ausführlich. Unter anderem vergleichen die Autoren drei verschiedene Strategien für Auszahlpläne. Dabei gehen sie mit einer guten Portion Optimismus zu Werke. Für den risikolosen Zins in den kommenden 25 Jahren nehmen sie einen Durchschnitt von 3 Prozent pro Jahr an. Für die Inflationsrate 1,5 Prozent. Somit würde der Realzins knapp 1,5 Prozent betragen. Die von den Wissenschaftlern angekündigten alternativen Berechnungen mit einem Realzins von null suchen die Leser leider vergeblich. Vermutlich wurden sie aus Platzmangel gestrichen, die Ankündigung jedoch nicht.

Die Autoren favorisieren eine Auszahlstrategie aus ihrem Marktportfolio, bei der die jährlichen Entnahmen an die erzielte Rendite angepasst werden. Wegen der Anlage in riskante Wertpapiere kann der Konsum im Vergleich zu einer sicheren Verzinsung deutlich gesteigert werden. Die Gefahr, dass das Geld vorzeitig ausgehen könnte, ist bei diesem Entnahmeplan ausgeschlossen. Dafür schwankt aber die Höhe der Auszahlung.

Unterm Strich ein hilfreiches Buch

Weber und seine Kollegen liefern einen lesenswerten Ratgeber für Anleger, die gerade ihre ersten Gehversuche an der Börse machen. Sie räumen mit weitverbreiten Irrtümern auf und bieten Anfängern Orientierung im Dschungel der Finanzmärkte. Wegen der leicht verständlichen Aufbereitung der einzelnen Themen ist dieses Buch ein – pädagogisch formuliert – niedrigschwelliges Angebot, das all jene annehmen sollten, die langfristig erfolgreich investieren, aber sich nicht permanent um ihr Portfolio kümmern wollen.

Heiko Jacobs, Christine Laudenbach, Sebastian Müller, Philipp Schreiber, Martin Weber: Die genial einfache Vermögensstrategie – So gelingt die finanzielle Unabhängigkeit, Campus, 255 Seiten, 27,95 Euro.

© Fairvalue 05.05.2020

Fotografie: Leonie Wilken / Campus

Weitere Artikel zu:

Beitrag teilen

 

Mehr zum Thema

Aktuelle Beiträge

Geldanlage

Festgeld - Die besten Festgeldkonten im Vergleich

Zinsen

Festgeld – Die besten Konten im Vergleich

Festgeld ist eine sichere Geldanlage – solange das Kapital bei Banken in kreditwürdigen Ländern angelegt wird. Der Festgeld-Vergleichsrechner von Fairvalue filtert aus dem großen Angebot die sichersten Festgeldkonten mit den höchsten Zinsen heraus.

Tagesgeld - Die Suche nach Rendite wird immer schwieriger

Bankeinlagen

Tagesgeld – Bei welchen Banken es noch Zinsen gibt

Deutsche lieben Tagesgeld.  Es ist von der gesetzlichen Einlagensicherung geschützt und unterliegt keinen Kursschwankungen. Doch akzeptabel verzinste Tagesgeldkonten sind derzeit rar. Wo es noch Zinsen gibt, zeigt unser Tagesgeld-Vergleichsrechner.

Depot-Vergleich: Der Weg an die Börse führt über ein Aktiendepot

Online-Broker

Depot-Vergleich: Es kommt nicht nur auf den Preis an

Anleger können viel Geld sparen, wenn sie sich für ein günstiges Wertpapierdepot entscheiden. Unser Depot-Vergleich beleuchtet die Kosten verschiedener Anbieter sowie ihre Stärken und Schwächen. In der Holzklasse sollten Anleger nicht allzu viel Komfort erwarten – und mit technischen Ausfällen rechnen.