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Asset Allocation – So finden Sie Ihre Balance zwischen Rendite und Risiko

Von Markus Neumann

Die Asset Allocation bestimmt Rendite und Risiko

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Die sogenannte Asset Allocation, die Aufteilung des Vermögens zwischen sicheren und riskanten Anlagen, bestimmt bei passiven Portfolios die künftige Rendite und das Risiko. Die richtige Mischung zu finden, ist besonders für unerfahrene Anleger nicht trivial.

Erfolgreiche Geldanlage beginnt mit der Formulierung von Zielen. Wofür wollen Sie Ihr künftiges Vermögen nutzen? Für den Bau eines Hauses, die Altersvorsorge oder ein neues Auto? Von der Beantwortung dieser Frage hängt im Wesentlichen Ihre Vermögensstrukturierung ab, die sogenannte Asset Allocation. Darunter verstehen Fachleute die Aufteilung Ihres Anlagekapitals zwischen sicheren Anlagen wie Festgeld und Anleihen und riskanteren Investments wie Aktien und Rohstoffe. Aus dieser Verteilung resultieren die möglichen Verluste und die Renditechancen eines Portfolios, das nicht aktiv gemanagt wird.

Ihre Anlageziele definieren in der Regel den Anlagezeitraum, der Ihnen zur Verfügung steht. Die Investitionsdauer wiederum hat entscheidenden Einfluss auf das Risiko, das Sie eingehen können. Wer sein Geld beispielsweise nur für wenige Jahre anlegen kann und wenigstens die investierte Summe zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückhaben will, kann nur einen kleinen Anteil riskanter Wertpapiere wie Aktien in sein Portfolio aufnehmen. Denn deren mögliche Wertschwankungen über kurze Zeiträume sind groß, die Verlustgefahr hoch.

Die folgende Grafik zeigt ein Portfolio, das zu 60 Prozent aus internationalen Aktien und zu 40 Prozent aus sicheren europäischen Staatsanleihen besteht. Die Wertentwicklung der Aktien haben wir am MSCI World NR Index gemessen und die der Staatsanleihen am JPM EMU Investment Grade TR EUR Index. Der Vergleich zeigt die Schwankungen der fortlaufenden Portfoliorenditen über ein, fünf und zehn Jahre seit 1995. Für die Zeiträume von fünf und zehn Jahren haben wir jeweils die durchschnittlichen Renditen pro Jahr berechnet.

Es ist unschwer zu erkennen, dass die Schwankungen der durchschnittlichen Renditen mit zunehmender Anlagedauer abnehmen. Während über ein Jahr zeitweise Verluste von mehr als 20 Prozent auftraten, waren die durchschnittlichen Verluste über Fünf-Jahres-Zeiträume sehr gering. Anleger, die zehn Jahre lang in ein 60-40-Portfolio investierten, machten gar keine Verluste, egal wann sie eingestiegen waren.

60-40-Portfolio: Renditeschwankungen über verschiedene Anlagezeiträume

Quellen: Morningstar Direct, Fairvalue-Berechnungen, Stand: Dezember 2018.

So lesen Sie die Grafik: Jeder Datenpunkt auf den drei Kurven entspricht einem Ausstiegszeitpunkt und zeigt an, wie hoch die (durchschnittliche) Rendite in den zurückliegenden ein, fünf und zehn Jahren war. Tipp: Fahren Sie mit der Maus über die Graphen, um sich die genauen Renditen für bestimmte Ausstiegszeitpunkte anzeigen zu lassen.

Die Angst vor Verlusten bestimmt Ihre Asset Allocation

Neben dem Anlageziel und dem Anlagezeitraum gibt es aber noch weitere entscheidende Faktoren, die Ihre Asset Allocation bestimmen sollten: Zum einen geht es darum, welche Risiken Sie wirtschaftlich tragen können. Wer beispielsweise gut verdient, einen Arbeitsplatz mit Zukunft hat und auch im Alter gut abgesichert ist, kann bei der Geldanlage objektiv betrachtet mehr riskieren.

In der Praxis ist es aber häufig so, dass die besonders gut betuchten Anleger am konservativsten anlegen. Bei Menschen, die schon sehr viel Geld besitzen, steht oft der Vermögenserhalt und weniger der Vermögenszuwachs im Vordergrund. Die Angst, das Vermögen zu verlieren, ist in solchen Fällen größer als die Verlockungen hoher Renditen.

Damit wären wir bei dem vielleicht wichtigsten Parameter, aus dem sich Ihre Asset Allocation ableitet: der Angst vor Verlusten. Banken und Vermögensverwalter sprechen von Risikotoleranz oder Risikoprofil – ein Euphemismus für die Panik, die gerade unerfahrene Anleger erfassen kann, falls die Aktienmärkte über längere Zeiträume stark fallen.

Unüberlegte Anlageentscheidungen können viel Rendite kosten

Panik ist nur allzu menschlich, aber bekanntermaßen ein schlechter Ratgeber. Angst essen nicht nur Seele auf, wie das verstorbene Filmgenie Rainer Werner Fassbinder einst feststellte, sondern auch die Rendite. Angst verleitet Anleger zu unüberlegten Entscheidungen, die sie viel Geld kosten können und nicht mehr zu korrigieren sind. Das zeigt eine Vielzahl von Studien.

Investoren haben die schlechte Angewohnheit ausgerechnet dann zu verkaufen, wenn die Kurse tief gefallen sind und die wachsende Angst vor noch größeren Verlusten das Denkvermögen lähmt. Von Kursschocks erholen sich die Börsen meist deutlich schneller als die Psychen der Anleger. Die denken oft erst dann wieder über einen Einstieg nach, nachdem die Kurse bereits weit nach oben enteilt sind. So entstehen bisweilen hohe Verluste, die erst nach langer Zeit wieder wettgemacht werden, wenn überhaupt.

Nur mit der passenden Asset Allocation werden Anleger ihre Strategie auch durchhalten

Weil demnach die größte Gefahr bei der Geldanlage der Anleger selbst ist, lautet die entscheidende Frage, wie die Asset Allocation aussehen muss, damit ein Anleger seine Strategie auch durchhält – die wahrscheinlich wichtigste Voraussetzung für den langfristigen Anlageerfolg. Mit anderen Worten: Wie muss das Vermögen strukturiert sein, um Panikattacken zu vermeiden.

Finanzberater und Vermögensverwalter versuchen mit mehr oder weniger aufwendigen Fragekatalogen ihren Kunden zu entlocken, wo die Angstschwelle liegt. Dazu sind sie gesetzlich verpflichtet. Es darf jedoch getrost bezweifelt werden, dass die angewendeten Verfahren immer zu Risikoprofilen führen, die tatsächlich der Verlusttoleranz der Kunden entsprechen. Das liegt natürlich auch daran, dass viele Anleger sich selbst nicht richtig kennen – und sich nicht genügend Gedanken über die Natur der Wertpapierbörsen gemacht haben.

Damit Sie bei Ihrer langfristigen Asset Allocation keine falsche Entscheidung treffen, sollten Sie einige Fakten so tief verinnerlichen wie ein Mantra:

  1. Aktienkurse schwanken um ihren Mittelwert. Bei diversifizierten Aktienindizes, die die Börsenentwicklung eines Landes oder einer Region abbilden, sind es pro Jahr im Schnitt etwa 15 bis 20 Prozent nach oben und unten. Zeitweise Verluste von mehr als zehn Prozent sind keine Seltenheit.
  2. Bei den großen Börsencrashs in den vergangenen Jahrzehnten hat der Weltaktienmarkt mehr als 50 Prozent an Wert eingebüßt. Ein passives ausgewogenes Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen verlor rund 30 Prozent.
  3. Es wird immer wieder solche Crashs an den Börsen geben. Die gute Nachricht lautet jedoch: Bisher haben sich die Aktienmärkte immer wieder von den Kursstürzen erholt und neue Hochs erklommen. Die schlechte Nachricht: Es gibt keine Garantien, dass das so bleibt.
  4. Der Aufholprozess kann sich schmerzlich in die Länge ziehen. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase Anfang des neuen Jahrtausends dauerte es mehr als 13 Jahre, bis sich der Weltaktienmarkt von dem Kurssturz erholt hatte.

Ein paar Minuten Selbstsuggestion für eine bessere Asset Allocation

Stellen Sie sich jetzt vor, sie hätten kurz vor einem Börsencrash 100.000 Euro in ein Aktienportfolio investiert. Bevor Sie überhaupt richtig merken, was vor sich geht, haben Sie bereits 30.000 Euro verloren. Wie fühlt sich das an? Und was werden Sie tun? Natürlich wissen weder Sie noch irgendjemand anders, ob die Börsenkurse noch weiter fallen oder schon nächste Woche der Trend wieder nach oben dreht. Wie gehen Sie mit dieser Ungewissheit um? Bleiben sie cool? Oder steigen Sie aus? Versuchen Sie, sich diese Situation in allen Einzelheiten auszumalen.

Nehmen wir nun an, Sie hätten sich für eine Asset Allocation aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen entschieden. Wir unterstellen denselben Verlust von 30 Prozent am Aktienmarkt wie oben. Gleichzeitig hätten die Anleihen aber um 5 Prozent an Wert gewonnen. Der Verlust Ihres Portfolios beträgt demnach „nur“ 16.000 Euro (18.000 Euro Verlust mit Aktien plus 2000 Euro Gewinn mit den Anleihen).

Das fühlt sich besser an, oder? Doch das gute Gefühl hat seinen Preis. Ihre langfristige Rendite, vorausgesetzt Sie halten die Strategie durch, beträgt mit dieser Vermögensstrukturierung im Schnitt vielleicht 4,5 Prozent pro Jahr. Mit dem Portfolio aus 100 Prozent Aktien hätten sie wahrscheinlich gut 7 Prozent pro Jahr verdient. Ein Unterschied von jährlich 2,5 Prozent führt langfristig zu einem gewaltigen Unterschied beim Endvermögen. Auch das sollte Ihnen bewusst sein.

Auch die benötigte Rendite kann ein Ankerpunkt bei der Asset Allocation sein

Sie können sich ihrer Asset Allocation auch von der Ertragsseite aus nähern. Kalkulieren Sie, wieviel Geld Sie brauchen, um Ihr Anlageziel zu erreichen. Angenommen, Sie möchten in zehn Jahren Ihren Dachboden ausbauen. Das kostet 120.000 Euro. Sie besitzen jetzt 50.000 Euro. Die wollen Sie so anlegen, dass der gewünschte Endbetrag nach zehn Jahren erreicht ist.

Um Ihr Anlageziel zu erreichen, müsste Ihr Portfolio nach Kosten und Steuern im Schnitt eine Rendite von gut 9 Prozent pro Jahr erzielen. Das ist selbst mit einer Aktienquote von 100 Pozent ziemlich unwahrscheinlich. Wenn Sie eine Rendite von 7 Prozent unterstellen, die historisch vor Abgeltungssteuer und Kosten langfristig erzielbar war, würde sich der Endbetrag nach zehn Jahren auf knapp 100.000 Euro belaufen.

Nun ist die künftige Entwicklung von riskanten Wertpapieren wie Aktien aber unsicher. Es wäre ebenso gut möglich, dass Sie nach zehn Jahren einen Verlust erlitten hätten. Wie groß die Wahrscheinlichkeit dafür ist, zeigen beispielsweise sogenannte Monte-Carlo-Simulationen. Sie können die Unsicherheit abbilden und Anlegern ein realistischeres Bild der Zukunft liefern als eine einfache Renditeannahme auf Basis historischer Daten, die über die Zeit linear fortgeschrieben wird.  Falls Sie die Dienste eines Finanzberaters, am besten eines unabhängigen Honorarberaters, in Anspruch nehmen, sollten Sie sich simulieren lassen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Sie Ihr Anlageziel auch erreichen.

Auf Basis der Ergebnisse können Sie ihre Strategie frühzeitig anpassen und beispielsweise mehr sparen oder den geplanten Dachbodenausbau weiter in die Zukunft verschieben. Eine Anhebung der Aktienquote führt dagegen nicht unbedingt zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass Sie Ihr Ziel erreichen. Was passiert, wenn Sie Ihr Risiko erhöhen, illustriert der Risikosimulator der Universität Mannheim. Nehmen Sie sich eine Viertelstunde Zeit und probieren Sie ihn aus. Zum Risikosimulator.

Bleiben Sie realistisch!

Wie Sie sehen, ist es nicht einfach, die passende Asset Allocation zu finden, die ihre Anlageziele mit Ihrer Risikotoleranz in Einklang bringt. Zusätzlich erschwert wird dieses Unterfangen, wenn Anleger unrealistische Vorstellungen haben. Viele wollen beispielsweise möglichst hohe Vermögenszuwächse erzielen, sind aber nicht bereit, größere Risiken zu tragen. Doch am Finanzmarkt sind hohe Renditen ohne größere Risiken kaum zu haben.

Viele deutsche Anleger wollen sich mit der Frage nach der richtigen Asset Allocation gar nicht erst beschäftigen. Sie suchen ihr Heil in Mischfonds. Deren Versprechen lautet, eine dynamische Asset Allocation zu bieten. Dabei wird der Anteil riskanter Anlagen je nach Marktlage erhöht oder gesenkt. Die Investoren spekulieren darauf, dass professionelle Fondsmanager schon die richtigen Entscheidungen treffen werden.

Die Praxis zeigt jedoch, dass die große Mehrheit der Mischfonds unterdurchschnittliche Renditen erzielt. Überwiegend richtig am Markt positioniert zu sein, ist eine hohe Kunst, die nur sehr wenige Fondsmanager beherrschen. Meist erfolgreicher ist ein einfaches statisches Do-it-yourself-Portfolio aus gut diversifizierten börsengehandelten Indexfonds (ETF) auf Aktien und Anleihen. Doch dafür müssen sich Anleger überlegen, welches die passende Asset Allocation für sie ist. Wie Sie ein fast unschlagbares ETF-Portfolio zusammenstellen, lesen Sie hier.

© Fairvalue 18.02.2019

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