Zinsen

Europäische Staatsanleihen – Flasche leer

Staatsanleihen sind so leer wie Brandenburg

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Anleger, die in europäische Zinstitel investieren wollen, stehen vor einem Dilemma: Die realen Renditen von Bundesanleihen sind negativ und besser verzinste Staatsanleihen aus europäischen Krisenländern nicht ohne Risiko. Festgeld ist derzeit in vielen Fällen die bessere Wahl.

Die Schuldenkrisen in den Euroländern Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien haben zu erheblichen Veränderungen an den europäischen Staatsanleihemärkten geführt. Während die Kurse von Staatsanleihen der Problemländer abstürzten, stiegen die der stabilen Euroländer erheblich an. Auf der Suche nach Sicherheit rissen sich Anleger vor allem um Bundesanleihen. Denn Deutschland zählt weltweit zu den vertrauenswürdigsten Schuldnern. Staatsanleihen von den Krisenländern wurden dagegen massenweise verkauft.

Zwar haben sich deren Kurse vor allem wegen der Interventionen der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder erholt. Doch für Anleger ist die Lage alles andere als komfortabel: Die Renditen sicherer Bundesanleihen sind wegen der hohen Nachfrage so stark gesunken, dass selbst Papiere mit zehn Jahren Laufzeit nicht einmal annähernd die Inflation ausgleichen (siehe Grafik).

Die reale Rendite von sicheren Staatsanleihen der Eurostaaten bleibt voraussichtlich negativ

Selbst die Euro-Staatsanleihen der Krisenländer Irland, Spanien Portugal bieten mittlerweile keine Renditen mehr, mit denen sich die Kaufkraft erhalten lässt, falls die Inflation nicht wieder deutlich unter zwei Prozent sinkt. Auskömmliche Erträge sind derzeit nur mit griechischen und italienischen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit zu erzielen. Doch diese Papiere sind mit hohen Risiken behaftet.

Renditeentwicklung verschiedener Euro-Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit

Quelle: EZB. Stand: Oktober 2018.

Griechische Staatsanleihen stufen die führenden Ratingagenturen als Ramsch ein. Italienischen Staatsanleihen droht möglicherweise dasselbe Schicksal, weil die neue Regierung eine zu hohe Neuverschuldung anstrebt. Es fehlt nicht mehr viel, bis die Bonitätswächter dem Land das wichtige „Investment-Grade“-Prädikat entziehen.

Die Papiere würden dann wie die griechischen als nicht investitionswürdiger Ramsch gehandelt werden und aus wichtigen Anleiheindizes herausfallen. Viele Renten-ETF und andere Investoren wie Pensionsfonds, die strengen Anlagerichtlinien unterliegen, müssten die Anleihen abstoßen, was zu weiter sinkenden Kursen führen würde.

Gefahr für die extrem niedrig verzinsten Staatsanleihen von Euro-Ländern mit guter Bonität droht von der Europäischen Zentralbank. Wenn sie ihre expansive Geldpolitik drosselt und wie die amerikanische Notenbank Fed die Zinsen wieder zu erhöhen beginnt, dürften die Kurse von Staatsanleihen unter Druck geraten. Manche Experten halten es aber auch für möglich, dass sich die Niedrigzinsphase in den europäischen Industrieländern noch lange fortsetzen wird. Für diese These spricht unter anderem deren relativ schwaches Wirtschaftswachstum. Dramatische Kursrückgänge bei sicheren Staatsanleihen wären dann nicht zu erwarten.

Wie sich Kurse und Renditen in den kommenden Jahren letztlich entwickeln werden, kann aber niemand mit Sicherheit voraussagen.

Staatsanleihen derzeit als sichere Geldanlage wenig geeignet

Früher gehörten sichere Bundesanleihen und mit der Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung Euro-Staatsanleihen in jedes Portfolio. Heute liegen die Dinge etwas anders. Wegen der hohen Kurse und der sehr niedrigen Renditen ist von Staatsanleihen aus Ländern mit bester Kreditwürdigkeit wie Deutschland in den nächsten Jahren nicht viel zu erwarten. Die Erträge dürften die von Festgeld kaum übersteigen. Das signalisiert zumindest die Effektivverzinsung, auch Endfälligkeitsrendite genannt, von Renten-ETF, die nur europäische Staatsanleihen mit guter Bonität enthalten. Sie liegt derzeit bei etwa 1 Prozent. Festgeld mit drei Jahren Laufzeit bei sicheren europäischen Banken bringt etwa dasselbe.

Die Endfälligkeitsrendite war in der Vergangenheit der beste Schätzer für die in den nächsten Jahren tatsächlich realisierte Rendite pro Jahr. Auch prognosefreie Modellrechnungen zeigen, dass mit europäischen Staatsanleihen in den kommenden Jahren kaum Geld zu verdienen ist, unabhängig davon, ob die Zinsen steigen oder fallen.

Doch während Festgeld keinen Kursschwankungen ausgesetzt ist, sind die Kurse von Anleihen volatil. Zwar erleiden Anleger, die Anleihen bis zu ihrer Fälligkeit halten, keine Verluste, solange der Emittent zahlungsfähig bleibt. Aber wer eine Anleihe – aus welchen Gründen auch immer – vorzeitig verkaufen will, macht möglicherweise Miese.

Unter dem Strich ist das Chance-Risiko-Verhältnis von europäischen Staatsanleihen derzeit schlechter als das von Festgeld. Deswegen sind Staatsanleihen oder Rentenfonds für Privatanleger keine gute Option. Das wird sich erst wieder ändern, wenn die Effektivverzinsung von Euro-Rentenfonds über der Rendite von Festgeld steigt. Bei größeren Vermögen kann der Einsatz von Staatsanleihen allerdings nach wie vor sinnvoll sein, etwa um die Diversifikation zu verbessern.

Um den Niedrigzins zu entgehen, weichen manche Anleger auf höher verzinste High-Yield-Bonds und Schwellenländeranleihen aus. Beide Anlageklassen sind aber deutlich riskanter und deswegen kein geeigneter Ersatz für sichere Staatsanleihen im Portfolio. Schwellenländerbonds tragen aber zur besseren Diversifikation in einem Portfolio bei, wenn Anleger sie gegen Aktien austauschen. Lesen Sie dazu unsere exklusive Analyse.

Faustregeln für den Kauf von Staatsanleihen

Anleger, die auf europäische Staatsanleihen setzen wollen, sollte einige Regeln beim Kauf beachten: Um auch an steigenden Zinsen zu partizipieren, empfiehlt sich ein Depot aus Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten. Fällig werdende Papiere werden regelmäßig durch neue mit längeren Laufzeiten und möglicherweise höheren Renditen ersetzt. Allerdings ist die Rendite von sicheren europäischen Staatsanleihen mit kurzen Laufzeiten zurzeit negativ.

Der Kauf von Staatsanleihen lohnt sich erst bei größeren Beträgen: Pro Anleihe sollten Anleger rund 5.000 Euro investieren können, andernfalls schlagen die Bankspesen über Gebühr zu Buche. Wer Kunde einer Direktbank ist, kann mit 2.000 Euro pro Order planen. Beim Kauf von vier Anleihen mit gestaffelten Laufzeiten brauchen Anleger also mindestens 8.000 Euro. Mit deutlich weniger Geld können sie über Fonds in ein gemischtes Portfolio aus Bundesanleihen investieren.

Neben Bundeswertpapieren kommen normalerweise auch sichere Anleihen von anderen Euroländern mit sehr guter Bonität in Betracht. Dazu zählen Frankreich, Finnland und die Niederlande. Allerdings sind die Transaktionskosten beim Kauf ausländischer Anleihen in der Regel so hoch, dass sich der Erwerb einzelner Papiere kaum lohnt. Deshalb bieten sich Fonds, insbesondere börsengehandelte Indexfonds (ETF), als kostengünstige Alternative an.

Neue Klausel im Krisenfall von Euro-Staatsanleihen

Für europäische Anleihen mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr wurde 2013 nach einem Beschluss der Eurostaaten eine sogenannte Umschuldungsklausel eingeführt. Die neue Regelung, englisch Collective Action Clause (CAC), gilt für Anleihen aller Euroländer, die seit 2013 neu aufgelegt wurden. Dadurch wollen die Eurostaaten den Umgang mit Staatsschuldenkrisen vereinfachen.

Nach den neuen Regeln kann sich eine Mehrheit der Gläubiger im Krisenfall mit dem Herausgeber der Anleihe auf eine Umschuldung verständigen. Die Minderheit muss sich dem Beschluss fügen. Die Gläubiger können beispielsweise eine Verlängerung der Anleihelaufzeit beschließen, sie können sich auf einen niedrigeren Zinssatz einigen oder den Nennwert der Anleihe beschneiden (Haircut).

Klagen einzelner Anleihebesitzer, die versuchen, die Umschuldung zu blockieren und ihr Geld vollständig zurückzubekommen, werden nun nicht mehr von Erfolg gekrönt sein.

Die neue Klausel ist von Vorteil für die Herausgeber der Anleihen. Sollten sie in Zahlungsschwierigkeiten geraten, können sie im Unterschied zu früher ihre Probleme vergleichsweise rasch lösen – anders, als wenn sie auf sämtliche Einzelinteressen Rücksicht nehmen müssen. Dass Umschuldungen schneller abgewickelt werden können, kann aber auch für private Anleger ein Vorteil sein. Wenn ein Staat seine Verpflichtungen nicht erfüllen kann, helfen langwierige Verhandlungen in der Regel auch nicht weiter.

Wer Geld in europäische Staatsanleihen investiert, muss wegen der neuen Bedingungen keine anderen Überlegungen anstellen als früher. Anleihen wie Bundeswertpapiere werden durch die Umschuldungsklausel nicht weniger sicher. Weil sie die Abwicklung von Umschuldungen für Emittenten vereinfacht, dürften Investoren für die Staatsanleihen wohl geringfügig höhere Zinsen verlangen. Das gilt insbesondere für riskantere Anleihen von Staaten mit schlechterer Bonität.

© Fairvalue, aktualisiert am 06.11.2018

Fotografie: James Sutton / Unsplash

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